--
Infos
--

Sammasasti - Training für Spirituelle Therapie

Ein Interview mit Anando Würzburger und Ramateertha Doetsch

Ihr bietet ein Training für „spirituelle Therapie“ an. In den klassischen Therapien steht die Lösung von Neurosen und Problemen im Vordergrund. Wie unterscheidet Eure Arbeit sich von diesem Ansatz?
Ramateertha: „Lösung von Problemen“ – da triffst du schon den Kern des Themas: Probleme kannst du nicht lösen! Wenn du eines gelöst hast, dann kommt garantiert das nächste – usw. Uns geht es um eine andere Sichtweise. Du kannst dieselbe Situation als eine Möglichkeit begreifen, die dir das Leben gibt, oder als etwas, das ein „Problem“ darstellt. Ein „Problem“ ist es meistens dann, wenn wir die Brille auf haben: Ich oder der andere soll entsprechend bestimmter Vorstellungen „funktionieren“. Diese Vorstellungen kommen aus der Vergangenheit und wir schleppen sie wie einen schweren Rucksack mit uns.

Warum ist die Vergangenheit so ein Problem?
Ramateertha: Weil sie die Gegenwart verstellt. Du willst alte Erfahrungen vermeiden, oder sie wiederholen, wenn sie gut waren. Viel hilfreicher ist es, zurückzutreten, das Alte loszulassen und einen Raum zu betreten, wo vielleicht Antworten und Möglichkeiten entstehen können, die völlig neu sind. Aber dazu musst du bereit sein das Alte loszulassen. Das ist nicht unbedingt einfach, denn damit gibst du auch Sicherheit auf.

Jemand, der eine Therapie beginnt, macht das meistens, weil er sich schlecht fühlt – weil er mit seinem Leben unzufrieden ist. Er möchte etwas ändern! Wäre also euer Ansatz, die Krise als Chance zum Wachstum zu begreifen?
Anando: Die Krise kann ein wichtiger Motor sein. Solange du zufrieden bist, wie eine Kuh auf der Weide zu essen, zu schlafen und auszuscheiden, gibt es keinen Antrieb für Veränderungen. Das Leben kann nicht ohne Probleme sein – es wird immer wieder neue Herausforderungen stellen. Wachstum hört nie auf. Genau das erlebe ich ja auch bei mir selbst, wenn ich nach Jahrzehnten der Selbsterforschung noch alte Konditionierungen oder auch neue Spuren in mir entdecke. Die meisten haben ja die Vorstellung, irgendwann ist es mal fertig. Dann habe ich meine Ruhe! Deswegen ist es ganz wichtig, am Anfang eine Öffnung zu schaffen. Es geht nicht darum, Unliebsames zu beseitigen, sondern eine grundsätzlich andere Einstellung zu finden. Den Situationen, die uns das Leben stellt, mit Humor, Offenheit und Akzeptanz zu begegnen. Wobei „akzeptieren“ nicht heißt, sich abzufinden, sondern unseren Gefühlen und so genannten Problemen mit einer freundlichen Einstellung zu begegnen.

Ein großer Teil unserer Schwierigkeiten kommt daher, dass wir mit Anpassung und Nachgeben aufgewachsen sind. Wir haben versucht, uns zurechtzubiegen und gelernt, Anteile unseres Selbst und unserer Bedürfnisse zu verneinen. Unsere Seele will uns mit unseren so genannten Problem rufen und hinweisen. Es geht darum, wieder ganz heil zu werden, uns zu entfalten und neu zu entdecken. Jetzt können wir lernen, dem mit Freundlichkeit zu begegnen, was uns einzigartig macht, und vielleicht in bestimmten Bereichen auch besonders empfindlich.

Der klassische Therapeut begegnet seinem Klienten mit Distanz. Welche Haltung wollt ihr vermitteln?
Anando: Da finde ich zwei Aspekte wichtig. Der erste: das Mitgefühl. Ich begegne dem anderen mit der Erfahrung und der Erkenntnis, dass auch ich das bin. Wenn er z.B. das Monster oder den Killer in sich entdeckt, so sind das Seiten, die ich auch in mir kenne. Ich stehe nicht auf einer höheren Stufe. Diese wohlwollende Präsenz eines Therapeuten ist die Basisvoraussetzung für eine erfolgreiche Zusammenarbeit, mindestens die „Hälfte der Miete“, und dann gibt es noch einen zweiten Aspekt – eine andere Dimension: Man kann sie als Achtsamkeit bezeichnen. Das ist der Teil in mir, der alles beobachtet. Eine Präsenz, die über dieses Leben hinausgeht. Ein Ort, an dem man sich frei fühlen kann – trotz allem, was geschehen ist. Das ist ein Kern dessen, was wir vermitteln wollen. Darum haben wir das Training „Sammasati“ genannt. Das war Buddhas letztes Wort und bedeutet: rechtes Erinnern. Es ist ein Erinnern an unser Wesen, an unser Sein, an die Essenz. Jeder trägt dieses Erinnern in sich. Schon als Kinder haben wir Momente erlebt, wo wir uns „eins“ gefühlt haben. Eins mit uns und eins mit dem, was um uns herum war.

Kann man dieses „rechte Erinnern“ üben?
Ramateertha: Das Erinnern ist einfach ein Sicherinnern – es ist kein Werkzeug, das man üben kann. Allerdings kann Meditation den vielleicht verschlossenen Raum wieder öffnen. Meditation ist daher auch das eigentliche Fundament unseres Trainings. Die meisten unserer Handlungen sind ja unbewusste Reaktionen. Jemand beleidigt mich und ich werde wütend. Da ist keine Wahl, das ist pure Automatik. Wir können aber innehalten und die Vorstellung verlassen: Ich-bin-der-Macher, ich habe alles in der Hand. Der Macher kommt aus der Vergangenheit und will nur Dinge wiederholen. Wenn wir im Trott des Alltags innehalten, uns auf das „Jetzt“ einlassen, geben wir die Kontrolle auf. Und das kann ein ganz entscheidender Schritt für die „Lösung von Problemen“ sein. Wir liefern uns etwas Größerem aus. Diese Lösung bedarf des In-die-Stille-Gehens. Sie bedarf eines Raumes, in dem man warten kann – anstatt machen zu wollen. Das ist eine ganz andere Haltung. So kann eine Lösung entstehen, die nicht Reaktion ist, sondern im Einklang mit dem eigenen Sein steht.

Welche Rolle spielen praktische Therapiewerkzeuge in eurem Training?
Ramateertha: Natürlich spielt das Erlernen therapeutischer Werkzeuge eine wichtige Rolle. Ob Körper-, Atem-, Gestalt- oder Gesprächsarbeit – diese und andere therapeutische Techniken vermitteln wir in unserem Training. Wichtig finde ich, vor welchem Hintergrund das geschieht. Diese Techniken sind kein Selbstzweck, sondern dienen letztlich dazu, Raum zu schaffen. Unsere Wohnung ist voll mit altem Mobiliar und wir räumen sie langsam leer, schaffen Platz. Dazu sind Therapiewerkzeuge hilfreich und dazu ist es natürlich auch wichtig, Dinge zu verstehen, die in der Vergangenheit passiert sind. Prozesse, die unvollständig geblieben sind, können so abgeschlossen werden. Und nach dieser Vervollständigung kommt ein ganz entscheidender Schritt: Du darfst wirklich vergessen. Das ist ein kreatives Vergessen, das Platz schafft für Neues. Ich benutze gerne ein drastisches Bild für das, worum es bei Therapie meines Erachtens eigentlich geht: Sie ist wie ein guter Gang zur Toilette. Wenn du dein Geschäft gemacht hast, drückst du den Knopf und spülst es runter. Und dann gehst du deiner Wege. Es hat keinen Sinn, auf dem Klo hängen zu bleiben. Und so ist es auch bei Therapie. Es ist ein wichtiger Prozess, Dinge gehen zu lassen und dann auch weiterzugehen.

Inwieweit ist die Gruppe für den Lernprozess förderlich?
Anando: Die Gruppe bietet dir viele Spiegel, und somit die Gelegenheit, dir selber näher zu kommen. Da sind Menschen, die dich vielleicht an bestimmte Situationen in deinem Leben erinnern. Viele Themen kommen hoch, viele Bilder werden wachgerufen: Wo habe ich meinen Platz? Wie möchte ich sein – wie eher nicht? Es entsteht eine Gruppendynamik, die hilft, Unbewusstes ans Licht zu bringen. Die Wunden, die wir in uns tragen, können durch die Begegnung mit den anderen besser heilen. Das gilt insbesondere für dieses Training, da es ein Prozess ist, der sich über drei Jahre erstreckt. Da entsteht Vertrauen und Intimität. Sie bietet den Teilnehmer die Chance, sich selbst zu erfahren und sich zu zeigen. Durch den geschützten Raum in der Gruppe kannst du die Erfahrung machen, dass das, was du nie zeigen wolltest, vielleicht gar nicht so schlimm ist. Das ist ein wichtiges Erlebnis: mich dafür zu öffnen, dass ich letztlich so sein kann und darf, wie ich bin.

Was macht euer Training außerdem noch besonders?
Ramateertha: Ich glaube, ein Aspekt, der unser Training wirklich einzigartig macht, sind die fünf Trainer, die es leiten. Nicht nur, dass wir alle einen großen Erfahrungsschatz mitbringen, wir unterscheiden uns ja auch von einander. Ich selber habe bei vielen unterschiedlichen Therapeuten gelernt. Und für mich war es wichtig, zu sehen, wie man über verschiedene Wege zu den gleichen Ergebnissen kommen kann. Für die Teilnehmer ist es sehr hilfreich, dass sie den ganz verschiedenen Temperamenten der Therapeuten bei der Arbeit zusehen können. Sie können sehen, dass jeder von uns seine Stärken und Schwächen hat. Dadurch, dass sie nicht nur einen Spiegel haben, werden sie mehr und mehr ermutigt, einen ganz eigenen Zugang zu der Arbeit als Therapeut zu finden.

Kann man eigentlich wirklich lernen, Therapeut zu sein?
Ramateertha: Ich glaube, das ist nur zu einem bestimmten Maße erlernbar. Ich persönlich hätte nie gedacht, dass ich diese Fähigkeit in mir habe. Und auch bei anderen habe ich die Erfahrung gemacht, dass gar nicht vorher absehbar ist, wer später wirklich mit Klienten arbeiten wird. Teilnehmer, die das Training ursprünglich nur für sich selbst machen wollten, fangen auf einmal an therapeutisch zu arbeiten und umgekehrt entdecken andere, dass sie den Prozess in erster Linie für sich selbst gemacht haben. Was auch immer geschieht: Es ist unglaublich, zu beobachten, wie Menschen sich in dem Training verändern. Wie sie nach zwei, drei Jahren aussehen. Wie Knospen, die zur vollen Blüte kommen. Für mich ist es ein Geschenk, bei diesem Prozess dabei sein zu können.